Meisterbud´, 2009


Meisterbud 1, 2007-2009, Bonn Kessenich-Alfter
Interview: Lackierermeister 8:54 Min Loop
Maße: 250 x 150 x 210 cm





Meisterbud 2, 2007-2009, Bonn Kessenich- Alfter
Interview: Anonymer Sprayer 25:34 Min. Loop
Maße: 345 x 230 x 255 cm




"Laß uns die neue Zeit beginnen
die Besten solln gewinnen
niemand hält uns jetzt noch auf."

 Wahlkampfsong der SPD 1998

Am Sonntag, dem 27. September 1998, feierten einige hundert Menschen vor der SPD-Parteizentrale an der Bonner Ollenhauerstraße den Wahlsieg von Gerhard Schröder und das Ende der Ära Kohl. Man wollte damals nicht alles anders machen, aber vieles besser. 200 Meter die Straße rauf wurden am darauffolgenden Montag nach bewährter Methode, wiewohl auch hier mit dem sozialdemokratischen Versprechen stetiger Verbesserung, Autos zu Krankenwagen ausgebaut und dann rot lackiert. Oder gelb, denn Spezialfahrzeuge von C. MIESEN gingen von hier in die ganze Welt, und nicht in allen Regionen der Erde ist die Rettung rot. Der Fabrik und ihren Arbeitern bekam denn auch eher schlecht, dass ihr die Neue Mitte der Republik so nah gerückt war. Seit 1901 waren auf diesem Grundstück Kutschen, Pritschen und schließlich Autos zu Krankenwagen geworden, doch 2004 gab C. MIESEN GmbH & Co. KG auf, jedenfalls das Gelände. Neue Bewohner bezogen die alten Hallen: Obdachlose, Jugendliche. Aber auch die alten Ortsgeister blieben, nur verwandelt, befreit. Der Bildhauer Ramon Muggli kennt sie alle, die alten wie die neuhinzugekommenen. Über zwei Jahre hin hat er das Nachleben der Fabrik analysiert, dokumentiert und schließlich beschlossen zu intervenieren. Eine Anatomie des Miesen’schen Fabrikkörpers musste zunächst das Zentrum ausfindig machen, sein Organisationsprinzip, das Herz. Ramon Muggli fand es in der Meisterbud’. Fünf notdürftig abgetrennte Quadratmeter waren Hierarchie genug, um den Arbeitsprozess zu steuern, um zu loben und zu tadeln und zur Disziplin anzuhalten. Von hier aus überwachte der Meister, dass sich die Spritzpistolen seiner Arbeiter nur auf die Fahrzeuge richteten. Wie wir aus einem Gespräch mit ihm und Muggli erfahren, hat er es gehasst wenn es doch einmal anders kam. Aber das Monströswerden seiner Lackierwerkstatt ließ sich nur mit Disziplin verhindern, und als des Meisters Bude für immer leer stand, gingen die Hausgeister auf die Wände los. Ramon Muggli hat mit gezielten Schnitten eine Transplantation vorgenommen. Deren Beitrag zur Analyse postfordischer Zeiten ist beachtlich, denn nun schlägt das leere Herz der Fabrikgesellschaft im neuen Campus der Bonner Alanus-Hochschule.

Text von Roman Schmidt, Oktober, Freitag 2009


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